Es ist Finesse

Judith Fugate, ehemalige Primaballerina des New York City Ballet und weltweit im Auftrag des George Balanchine Trusts unterwegs, sprach mit Martina Zimmermann über die Einstudierung von Serenade, das den Ballettabend FAST FORWARD eröffnet. 

FAST FORWARD

Für Judith Fugate sind die Ballette von George Balanchine nicht einfach historisches Repertoire – sie sind lebendige Kunstwerke. Fugate begegnete Balanchine und seiner Welt zum ersten Mal, als sie erst acht Jahre alt war und ihre Ausbildung an der School of American Ballet begann. Später wurde sie eine der führenden Ersten Solistinnen der Compagnie, die Balanchine gegründet hatte: das New York City Ballet. Über mehrere Jahrzehnte arbeitete sie eng mit „Mr. B.“ zusammen und entwickelte ein tiefes Verständnis für seine musikalische und stilistische Sprache. Heute, wenn sie seine Werke bei Compagnien auf der ganzen Welt einstudiert, besteht ihre Aufgabe darin, nicht nur die Choreografie weiterzugeben, sondern auch die künstlerischen Prinzipien dahinter.

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c) Kiran West
Judith Fuguate in Proben zu „Serenade“
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Francesca Harvey im Studio
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Corps de Ballet der Damen in der Anfangsszene aus „Serenade“
SEE THE MUSIC, HEAR THE DANCE

Worte, die George Balanchine zugeschrieben werden

Die Musik, erklärt Fugate, war für Balanchine immer der Ausgangspunkt. Bevor die Proben begannen, ließ er die Pianisten die Partitur vollständig spielen, damit die Tänzer:innen die musikalische Struktur wahrnehmen konnten. „Die Tänzer:innen müssen auf die Musik hören,“ sagt Fugate, „und sich  nicht nur auf das Zählen konzentrieren.“ Balanchine spielte häufig auf überraschende Weise mit musikalischen Phrasen: Eine Achtzählzeit war nicht unbedingt in zwei Vierergruppen gegliedert, sondern konnte etwa als drei–drei–zwei strukturiert sein. Für Tänzer:innen, die an regelmäßige Muster gewöhnt sind, kann das zunächst schwierig sein. Doch für Balanchine war es die Bewegung selbst, die die musikalische Linie widerspiegeln sollte – sich dehnen und fließen wie die Bögen einer Streichermelodie.

Serenade kreierte Balanchine 1934 für Schüler:innen der neu gegründeten School of American Ballet. Dieses Entstehungsumfeld mit seinen besonderen Gegebenheiten blitzt in Serenade immer wieder auf und sorgt für eine gewisse Spontaneität in der Choreografie. So wechselte in den frühen Proben die Zahl der anwesenden Tänzerinnen ständig – je nach Verfügbarkeit: manchmal waren es siebzehn Mädchen, manchmal nur vier, manchmal kam eine Tänzerin zu spät und fügte sich möglichst unauffällig in die Gruppe ein. Diese Umstände prägten die berühmten Formationen und Auftritte des Balletts, die bis heute ein wesentliches visuelles Element des Werkes sind und seine Wiedererkennbarkeit ausmachen.

Wenn Fugate Serenade einstudiert, besteht eine der größten Herausforderungen darin, die Tänzer:innen an Balanchines besondere Bewegungsqualität heranzuführen. Kleine Details machen einen großen Unterschied: etwa die Armhaltung in der Arabesque, der Fluss des Port de bras oder die Art, wie sich der Oberkörper bewegt. Manchmal kann ein einfaches, anschauliches Bild helfen, Gewohnheiten zu verändern, die Tänzer:innen seit ihrer ersten Ballettstunde gelernt haben. Um zum Beispiel die Arme korrekt zu führen, schlägt Fugate vor, sich vorzustellen, man ziehe sich ein T-Shirt über den Kopf aus.

Es ist Finesse.

Die Tänzerinnen und Tänzer von heute sind technisch stärker denn je, beobachtet sie. Die Herausforderung besteht darin sicherzustellen, dass diese Fähigkeit dem Ballett dient, statt es zu überstrahlen. „Wir wollen nicht, dass es effekthascherisch wird“, sagt sie. „Es ist mehr als Technik – es ist Finesse.“ Gleichzeitig schätzt sie sehr, dass die Tänzer:innen neugierig und lernbegierig sind: „Sie sind hungrig zu lernen“, sagt sie, und fügt hinzu, wie spannend es sei zu sehen, wie sie sich Balanchines Stil aneignen.

Zuschauer:innen, die Balanchine neu entdecken, empfiehlt Fugate, besonders darauf zu achten, wie sich die Formationen des Balletts auf der Bühne entwickeln – vor allem auf den Eindruck von Bewegung, das entsteht, wenn Tänzer:innen auftreten, wieder verschwinden und den Raum ständig neu formen. Schon im allerersten Moment, wenn sich der Vorhang hebt, sind siebzehn Tänzerinnen sorgfältig auf der Bühne angeordnet und bilden das erste eindrucksvolle Bild. Dabei sei ein interessantes historisches Detail erwähnt: Das Ballett wurde ursprünglich hauptsächlich für Frauen geschaffen. Denn: 1934 gab es schlicht nicht so viele männliche Tänzer.

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„Serenade“ beginnt ...
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Glückliche Gesichter nach der Premiere: Ida Praetorius mit Judith Fugate
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Futaba Ishizaki und Ensemble in „Serenade“

Zu Fugates Lieblingsmomenten gehört der erste Satz aus Tschaikowskys Musik; besonders ein Bild, in dem die Tänzerinnen eine diagonale Linie bilden und wie in einem Kanon nacheinander Armbewegungen vollführen, die Fugate als „Windmühlen“ beschreibt – ein Effekt, der ihr bis heute den Atem raubt.

Als Eröffnungswerk eines vielfältigen, mehrteiligen Ballettabends bringt Serenade für Fugate eine ganz besondere Atmosphäre ein. Das Ballett wirkt für sie fast wie vom Wind getragen: Tänzer:innen stürmen herein, überqueren die Bühne, verschwinden wieder und erscheinen in neuen Formationen. Alles bewegt sich unglaublich schnell und dabei äußerst präzise, aber bleibt zugleich luftig und leicht. Und vor allem voller Hingabe an die Bewegung.

Der schönste Moment kommt am Schluss

Für Judith Fugate kommt einer der schönsten Momente des Probenprozesses häufig am Ende: dann, wenn die Tänzer:innen erkennen, was sie erreicht haben. Balanchines Geschwindigkeit, Musikalität und Bewegungsqualität zu meistern bedeutet, vertraute Gewohnheiten, Bewegungsabläufe zu überwinden. „Wenn sie spüren, dass sie das geschafft haben“, sagt sie, „ist das etwas Wundervolles.“

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c) Kiran West
Ensemble in „Serenade“
Donnerstag Do 25.6.